Marcus Tandler

Experteer – neue Stellenbörse für High-Potentials?

Ich bin eben gerade über eine neue Stellenbörse im Internet gestolpert. Bzw. hatte ich schon vor etwas längerer Zeit davon gehört, aber wieder vergessen – und nun wurde ich durch eine AdWords Werbung wieder darauf aufmerksam gemacht.
Die Stellenbörse Experteer geht aber einen völlig anderern Weg, wie es die klassischen Jobbörsen derzeit tun, und bietet seine Serviceleistung für Unternehmen kostenlos an, und bittet im Gegenzug die designierten Bewerber zur Kasse.
Und noch einen Unterschied gibt es, denn bei Experteer werden nur Jobs über 60.000 Euro Jahresgehalt publiziert – und genau hier liegt auch der Fokus von Experteer, denn gesucht wird bei Experteer nach Gehaltsvorstellung!
Wo man bei herkömmlichen Stellenbörsen einen Jobtitel in den Suchschlitz tippt, beginnt die Experteer Schnellsuche in feinster Web2.0 Manier mit der Angabe der Gehaltsvorstellung! Noch schnell eine Stadt oder Postleitzahl eintippen, und schon bekommt man Suchergebnisse aus derzeit über 6.800 “Karrieren”.
Bei meiner Suche (90.000 Euro + Umkreis München) bekam ich 6 Positionen offeriert, von denen ich 3 Jobtitel nicht wirklich verstanden hab (was zum Teufel macht bitte ein “Manager Strategy Process Transformation ACCESS”??) und 3 nicht wirklich die Art von Job sind, die ich gerne übernehmen würde. Aber wahrscheinlich bin ich einfach auch nicht wirklich die Zielgruppe dieser Stellen- bzw. wohl eher Karriere-Börse.

Viel schlimmer fand ich es da, dass man dazu animiert wird kostenlos Mitglied zu werden, denn ohne Mitgliedschaft erfährt man nicht einmal die ausschreibende Firma. Ok, dann werde ich halt Mitglied in diesem feinen erlauchten Kreis der High-Potentials – aber dann der Hammer! Die Mitgliedschaft an sich, gibt einem nämlich lediglich die Möglichkeit sein Karriereziel zu posten, und den angeschlossenen Headhuntern zugänglich zu machen, die Firma des meiner Meinung einzigen passenden Jobs für mich blieb mit weiterhin verborgen!
Naja, passender Job ist vielleicht auch ein wenig übertrieben, so wurde mir nach Eingabe meines Karriereziels die Position als Business Development Director Wireless North-Europe einer Firma in Harsum (und damit 466km weit weg von München) angeboten. Na gut, immerhin würde ich 150.000 Euro dafür bekommen… zumindestens laut Experteer 🙂
Um zu erfahren, um welche Firma es sich in diesem Fall handelt müsste ich ganze 15 Euro berappen, und das für gerade mal einen Monat. Ein ganzes Jahr Premium-Mitgliedschaft gibt es für 100 Euro, zahlbar per Bankeinzug oder Kreditkarte.

Auch wenn Experteer bei mir einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlässt, muss ich sagen, dass ich die Grundidee wirklich sehr interessant und geradezu Zukunftsweisend finde. Zuerst das klare Targeting auf die Zielgruppe der Fach- und Führungskräfte, auf die zwar auch alle anderen Jobbörsen scharf sind, aber sich bisher niemand als One&Only herausgepickt hat. Dann das Geschäftsmodell, die Unternehmen kostenlos inserieren zu lassen, diese Anzeigen dann aber selektiert auf der Plattform zu publizieren, und die User für diese Vorselektion bezahlen zu lassen – so dass man sich, nicht von hunderten unpassenden Stellenangeboten abgelenkt, auf die wesentlichen Stellenanzeigen konzentrieren kann.
Schließlich und letztendlich die Verknüpfung mit Headhuntern, die die Datenbank der eingetragenen Kandidaten zur Ansprache eben dieser nutzen dürfen. Wobei mich hier interessieren würde, ob die angeschlossenen Headhunter ebenfalls nicht für die Nutzung der Datenbank zahlen müssen, denn ich denke, dass gerade die noch eher dazu bereit wären einen kleinen Obulus zu bezahlen, sofern dort interessante Kandidaten und wahre High-Potentials Ihre Profile eintragen.

Dennoch finde ich die Suche nach Gehaltsvorstellung arg übertrieben und eher einen ShowOff-Effekt, denn was interessieren mich 300 Jobs, die allesamt uninteressant für mich sind, aber eben gerade in derselben Gehaltsliga spielen. Ich kann halt Vertriebs- und Ingenieurstätigkeiten von vorneherein ausschließen – lasst mich dies doch auch bitte tun!
Des weiteren muss ich sagen, dass ich nicht wirklich etwas von den Gehaltsangaben halte, die sowieso nur als “Benchmark” gekennzeichnet sind. Es ist zwar nett zu wissen, ob der Job ungefähr meine Liga ist, aber letztendlich spielt bei diesen Jobs gerade in der Gehaltsverhandlung die Musik!
Der größte Kritikpunkt dabei ist aber, dass dieser Benchmark-Wert NICHT von den Unternehmen vorgegeben wird, sondern von Experteer! Klar, der Benchmark kann durchaus eine Orientierung geben, aber letztendlich ist es das Unternehmen, dass die Gehaltsvorstellung im Kopf hat, und die kann nunmal schnell um 10-20% nach oben oder unten variieren, und damit verpasse ich evtl. einen Job, denn ich mit einer anderen Suchfunktion vielleicht hätte finden können.

Aber nach allem Lob und Kritik, interessiert mich nun doch noch, wer eigentlich hinter dieser Unternehmung steckt. Denn bei der ganzen Aufmachung zwang sich bei mir ein wenig das Gefühl auf, dass hier ein größerer Player die Fäden im Hintergrund zieht. Das Impressum offenbart aber nur die offensichtliche “Experteer GmbH” mit Sitz in der Münchner Bayerstraße. 2x gegoogelt, und schon fand ich heraus, dass in eben dieser Bayerstraße 21 auch die Internet-Beteiligungsgesellschaft der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck – Holtzbrinck Networxs – sitzt. Und nachdem die im Impressum von Experteer angegebene Telefonnummer eine Nebenstelle der bei Holtzbrinck Networxs angegebenen Telefonnumer ist, würde ich mal darauf tippen, dass wir es hier mit einem neuen Spin-Off des Stellenanzeigen.de – Anteilseigners Holtzbrinck zu tun haben.
Und genau dies macht meiner Meinung nach auch hochgradig Sinn, so hat man mit dem Handelsblatt wohl einer DER Tageszeitungen für genau eben jene anvisierte Zielgruppe.

Ich bin mal gespannt, wie es mit Experteer weitergeht, immerhin ist die Plattform ja auch noch im BETA-Status. Außerdem warte ich mal gespannt auf eine Pressemitteilung, denn bisher habe ich da noch garnichts gesehen. Und vor allem, warte ich gespannt auf eine Anzeige im Handelsblatt oder eine Integration bei Handelsblatt-Online 🙂

Update: Das Motiv zur experteer.de Einführungskampagne gibt es beim Weblog der PAGE – hab ich bisher noch nirgendwo gesehen, aber es soll “medienübergreifend” eingesetzt werden, also wahrscheinlich in Print wie auch im Internet.