Marcus Tandler

Fachkräftemangel unter den Ingenieuren: Wirklichkeit oder Fiktion?

Wirtschaftswachstum! Deutschland braucht mehr Ingenieure! Solche Titel zierten zahlreiche Magazine, Zeitungen und Fachzeitschriften seit dem Deutschland die Wirtschaftskrise überstanden hat und es wieder bergauf geht. Bezugsquellen der Medien sind zumeist renommierte Institutionen wie die Bundesagentur für Arbeit. Auch hier wurde das Thema Fachkräftemangel in den HR Themen 2013 bereits angesprochen.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, welche bereits im März 2012 veröffentlicht wurde, widerlegt jedoch die Aussagen zum Fachkräftemangel der Medien – zumindest für das Ingenieurswesen. Die Debatte ist bis dato dennoch nicht abgeflacht – obwohl die Experten des Instituts sich auf profunde Marktforschung beziehen und die „Fakten“ als unnötige und übertriebene Warnungen entlarven.

Die Auswirkungen des „digitalen Alarmismus“ sind bereits auf dem Arbeitsmarkt erkennbar; in Form einer überhöhten Anzahl von Absolventen der verwandten Studiengänge im Ingenieurswesen und respektiv überhöhter Nachfrage nach Ingenieur-Jobs auf dem Arbeitsmarkt.

Welche Institutionen schlagen Alarm?

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Laut IW ist das Wirtschaftswachstum in Deutschland gefährdet. Repräsentanten des Institutes geben an, dass bereits jetzt der Volkswirtschaft aufgrund des Ingenieurmangels immense Wertschöpfung verloren gehen würde; so schätzt das IW die Einbußen im Jahre 2011 auf ca. zehn Milliarden Euro.

Verein Deutscher Ingenieure (VDI)

Der VDI beklagt sich grundsätzlich über einen Mangel an Ingenieuren in Deutschland. In einem 2012 veröffentlichten Bericht heißt es, dass das Durchschnittsalter der Ingenieure bei 50 Jahren liege. So würde knapp die Hälfte aller Ingenieure binnen der nächsten 10 – 15 Jahre in den Ruhestand gehen. Auf dieser Grundlage leitet der VDI einen jährlichen Ersatzbedarf von rund 40.000 Ingenieuren ab.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA)

Die BA sieht im Allgemeinen keinen flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland. Jedoch gäbe es Missstände in bestimmten Berufsfeldern; derzeit herrsche Fachkräftemangel im Bereich Ingenieurswesen, insbesondere im Fahrzeug- und Maschinenbau oder Elektrotechnik.

Was sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) dazu?

Das DIW stellt sich klar gegen diese Aussagen. Karl Brenke, seines Zeichens Volkswirt und Experte für Konjunkturanalyse und -prognose, erläutert, dass die Angaben über das Durchschnittsalter nicht nachzuvollziehen sind.

Das Institut hat weitere Forschungen angestellt und in den Erhebungen herausgefunden, dass die Ingenieure in der Realität eher 43 – 44 Jahre (anstatt 50 Jahre) alt seien. Ungefähr ein Drittel der Ingenieure habe bereits das 50. Lebensjahr erreicht und knapp die Hälfte dieser (ca. 100.000) entspreche der Altersgruppe 55+. Der Experte prognostiziert, dass von diesen Ingenieuren jedoch höchstens 20.000 pro Jahr in den Ruhestand gehen würden.

Weiterhin erklärt Brenke, dass es über den Ersatzbedarf hinaus, einen Expansionbedarf gäbe. Das sei auf die gute Konjunktur zurückzuführen, die unter anderem auch die Zahl der Arbeitsplätze für Ingenieure erhöht habe (knapp 11.000 jährlich). Somit ergibt sich in Summe ein Bedarf von ca. 31.000 Ingenieuren (11.000 Expansionsbedarf + 20.000 Ingenieuren, welche jedes Jahr in den Ruhestand gehen).

Und nun der Clou des Ganzen: Bereits jetzt steht eine weitaus höhere Anzahl der Studienabsolventen der genannten Summe gegenüber. So haben beispielsweise im Jahr 2011 knapp 50.000 junge Erwachsene ein Studium der Ingenieurswissenschaften abgeschlossen.

Wie wird sich der Arbeitsmarkt für Ingenieure in Zukunft entwickeln?

Jüngste Entwicklungen deuten bereits darauf hin, dass die Zahl der Absolventen noch weiter steigen wird. Nicht zuletzt hat wohl auch der „Medienhype“ einen erheblichen Teil dazu beigetragen, und junge Leute dazu animiert sich für ein Studium der Ingenieurswissenschaften mit besten Zukunftsperspektiven einzuschreiben. Beispielsweise ist die Zahl der Erstsemesterstudenten für die Studienrichtung Maschinenbau im Jahr 2011 um ein Fünftel gestiegen. So ist auf lange Sicht zu erwarten, dass sich in den nächsten Jahren sogar ein Überschuss von Fachkräften im Ingenieurswesen bildet, was sich in zweierlei Hinsicht auf den Arbeitsmarkt auswirken kann. In erster Instanz kann es zu erhöhter Arbeitslosigkeit bestens ausgebildeter Berufsanfänger führen und in zweiter Instanz kann es zu erhöhten Auswanderungsraten dieser „High Potentials“ kommen. Beides wäre wohl alles Andere als wünschenswert für die deutsche Industrie.

Vielleicht machen die Ingenieure in Ihrer Verzweiflung aber auch eine Umschulung zum Buletten Griller? Dann würden sie wenigstens dem Wirtschaftsstandort Deutschland erhalten bleiben..

Gastbeitrag von Kai Michaelsen. Kai Michaelsen ist Msc Marketingstudent an der Leeds Metropolitan University. Er beobachtet im Auftrag der Firma Deutsche Automation aktuelle Trends im Ingenieurswesen und berichtet darüber im Netz.