Marcus Tandler

Innovatives Recruiting?

Vor nicht knapp nem Viertel Jahr habe ich von einer “Spezialagentur für Viral Marketing” (Gott-oh-Gott…) eine Mail bzgl. einer “Innovativen Recruitingkampagne” vom Häuslebauer Schwäbisch Hall bekommen. Auf YouTube wurden in einem extra angelegten Kanal drei vermeintlich lustige Videos online gestellt, die allesamt die Special-MiniSite Die-Besten-zu-uns.de promoten sollten, auf der dann halt neue Struki´s Außendiestmitarbeiter gesucht werden

Ich fand das ganze damals eher mässig lustig, und noch weniger innovativ… “Innovativ” wird dieser Tage in der Kommunikation für meinen Geschmack sowieso viel zu inflationär genutzt, denn. Ist man denn schon innovativ, wenn man mal keine normalen Stellenanzeigen schaltet, sondern stattdessen ein paar mäßig lustige Webvideos dreht? Nicht wirklich, oder? Außerdem fand ich den Typen, der da durchs “Programm” führt mehr als unpassend – kommt einfach wie ein arrogantes Arschloch rüber.

Naja, auf jeden Fall wurde versucht mir das folgendermassen schmackhaft zu machen:
Die Attraktivität hierin besteht für Sie in der Exklusivität des Contents, denn wir bieten Ihnen und lediglich 50 weiteren Bloggern/ Portalen die Möglichkeit, als einer der Ersten über die neue Recruitmentkampagne von Schwäbisch Hall zu schreiben. Erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen weitere PR-Maßnahmen.

Aha… 50 weitere Blogger & Portale ?? In Deutschland? Wer soll denn das bitte alles sein? Aber vielen Dank, dass ich mit als Erster als Pressemitteilungsschleuder erwählt wurde…

Die restliche JOBlogosphäre, die wahrscheinlich ebenfalls diese Mail erhalten haben, hat das auch wenig interessiert, nur JobScout24 und Eva ließen sich zu einem Blogpost hinreißen -> “Ausgefuchstes Recruiting 2.0” bzw. “Beispiel Employer Branding in Krisenzeiten“.

Wie gesagt, ich fand die ganze Sache damals schon zum gähnen, so waren die Videos meiner Meinung nach eher Marke “Humor mit dem Holzhammer” a´la “Liebe Agentur, wir brauchen lustige Geschichten zum Thema Außendienst-Recruiting“.

Auf jeden Fall habe ich gerade heut mal wieder in dem Channel vorbeigeschaut, und siehe da -> mässige Clickzahlen bei allen Videos! Das beste der fünf Videos wurden gerade mal 1.900x aufgerufen, das schlechteste nur 840x. Mal zum Vergleich -> mein privates Video vom Boot-Trip in Rio de Janeiro hatte alleine schon 1.075 Aufrufe. In Zeiten von viralen Videos, die 100.000e male oder gar eine Million mal angeschaut werden ist das wirklich eine klägliche Ausbeute für eine Agentur, die vorgibt auf genau sowas spezialisiert zu sein.

Wieviele neue Außendienstmitarbeiter durch diese Maßnahme gefunden wurden (es wurden ja 1.000 Leute gesucht!) will man da garnicht prognostizieren… die Zahl sollte wohl gegen Null gehen…

Was will ich damit eigentlich sagen? Wieder mal nur grundloses Bashing des JOBloggers? Nein, mitnichten -> ich finde nix cooler, als wenn endlich mal innovative Wege beim Recruiting beschritten werden! Aber virales Marketing ist heutzutage einfach die Königsdisziplin! Es gibt ganze börsennotierte Unternehmen, die nur durch viralen Buzz groß geworden sind! Nur weil man ein paar spärlich amüsante Videos ins Netz lädt, und nen großen Stempel “Innovativ” draufpackt, wird das ganze nicht revolutionärer. Auch die Ansprache von Bloggern, die zumeist nur einfach mit simplen Pressemitteilungen zugemüllt werden, ist mehr als steinzeitlich (waren Höhlenmaler nicht die Blogger der Urzeit?).

Innovation fängt damit an, erstmal zu verstehen, was gerade State-of-the-Art ist! Nur wer die Gegenwart kennt, kann in Zukunft gewinnen!

10 Reaktionen zu “Innovatives Recruiting?”

  1. Hart, aber gerecht :-) und das sind dann die Firmen und Agenturen, die tausende von Euronen für Ihre Kampagnen ausgeben, anstatt zusätzlich ein paar spezialisierten Portalen hier etwas Geld in die Hand zu geben um die Anzeigen permanent online zu stellen!

    Thomas Schulze am 12. May 2009 um 19:15 Uhr
  2. Hallo Marcus, Du hast ja so recht mit Deiner Meinung zu innovativem Recruiting. Und besonders auf die Nerven gehen auch uns die etlichen Mails von irgendwelchen Agenturen, die ihren Kunden verkaufen, sehr hip und modern zu sein, weil sie Massenmails an Blogger schicken. Meist ist der Inhalt zum Gähnen und man merkt direkt, dass die null Vorstellung davon haben, wie die blogosphäre tickt. Nerv!

    Nadia am 13. May 2009 um 08:25 Uhr
  3. Hi Marcus, in der Tat, habe mich hinreissen lassen ;-)
    Die Idee, eine Marketingoffensive – ob diese nun erfolgreich wird oder nicht – für den Bereich Versicherung und Finanzwesen zu fahren, fand und finde ich immer noch gut, vor allem jetzt, wo so gut wie kein Unternehmen mehr anheuert.
    Das Echo, das wir zur Zeit von Firmen und Bestandskunden erhalten – und das inzwischen aus allen Branchenreihen – ist immer dasselbe: Keine Einstellungen die nächsten Monate, kein Budget für Personalmarketing oder Employer Branding Aktivitäten. Nichts.
    Daher finde ich eine Aktion, wie sie die Schwäbisch Hall gemacht hat, durchaus positiv und berichte gerne darüber, auch wenn sie mit Sicherheit optimiert werden sollte.

    Eva am 13. May 2009 um 10:41 Uhr
  4. Oh, das sollte kein Schuß gegen Dich sein Eva -> ist ja nicht schlimm, dass Du darüber berichtet hast. Ich wollte ja selber damals drüber schreiben.

    Ich skizziere ja nur den dürftigen Outcome dieser “innovativen” Kampagne :-)

    Und wie ich auch schon gebloggt habe, unterstütze ich ja ebenfalls jedwede Innovation in unserem drögen Personalbereich -> aber es soll halt nix als Innovation verkauft werden, was in Wirklichkeit nur ne müde Aktion ist. Und von solchen Sachen wie “wir suchen 1000 neue Mitarbeiter” habe ich sowieso die Schnauze voll, weil in Wirklichkeit ja lediglich neue Struki´s gesucht werden.

    Wenn dann richtig, und nicht nur halbherzig!

    Marcus am 13. May 2009 um 11:01 Uhr
  5. Hi Marcus, keine Ursache, hab’s nicht als Schuss gegen mich verstanden :-)
    Ich stimme Dir zu, innovativ ist definitiv was Anderes. Wirklich innvovativ kostet eben einiges an Budget, sodass die meisten Unternehmen den üblichen Weg gehen und meinen, nur weil sie ein paar Videos auf Youtube hochladen, dass das extrem-viral-marketing ist. Tja, der Deutsche ist eben ein Gewohnheitstier.
    Da lobe ich mir die Franzosen, die für (online) Neuigkeiten offener sind – die Lateiner sind einfach etwas verspielter ;-) . Hier twittert’s, facebookt’s, bloggt’s und internettet’s generell mehr.
    Dir noch viel Spass und Erfolg heute

    Eva am 13. May 2009 um 11:37 Uhr
  6. Hallo Marcus,
    Wirklich ein erfrischender Post der glaub ich den Nerv von so einigen trifft. Ich sehe die Sache von zwei Perspektiven: Auf der einen Seite bin ich selbst Blogger und kenne mich im sozialen Netz aus, auf der anderen Seite arbeite ich in einer Agentur und wir haben öfters Kunden, die sich “virale” oder “social media” Kampagnen wünschen. Es ist nicht so einfach sich etwas aus den Fingern zu saugen, was zum einen Buzz ergibt, zum anderen natürlich auch zum Kunden und zum Produkt passt.

    Wenn man dann aber ein Konzept stehen hat und die Unterstützung der Blogosphäre braucht, kommt das große Fragezeichen in punkto direkter online PR. Die meisten klassischen PR Agenturen tasten sich erst an das Thema ran und die meisten Online Agenturen machen keine PR. Daher vermutlich auch des öfteren diese recht plumpen “Verlegenheits-Anschreiben” an Blogger.

    Nun meine Frage wie man das denn besser machen könnte? Klar, im besten Falle baut man sich online auch eine Beziehung zu Bloggern / Journalisten auf, allerdings hat man manchmal im Rahmen einer Kampagne keine Zeit dafür. Wenn man mal annimmt, dass der Content von Interesse ist und die Ansprache persönlich, auf welche Art und Weise wünscht man sich das online?

    Es wäre wirklich interessant ein paar Tipps aus erster Hand zu bekommen!

    Helen Vatter am 13. May 2009 um 11:48 Uhr
  7. Naja, es macht schon Sinn Bloggern etwas exklusiv zur Verfügung zu stellen, und auch die persönliche Ansprache ist Pflicht -> Aber das zur Verfügung gestellte sollte auch wirlich Value haben, und nicht einfach simple PR.

    Marcus am 13. May 2009 um 12:28 Uhr
  8. Hallo Marcus,
    auch ich war in dem “exklusiven Kreis” der Blogger, die zuerst über die Videos informiert wurden. Ich habe nicht darüber geschrieben. Ich glaube, ich habe sogar eine Erinnerungsmail bekommen *grübel*.

    Abgesehen davon, dass ich es nicht mag, wenn mir etwas sehr platt verkauft wird (exklusiv und 50 Blogger passt irgendwie gar nicht zusammen), fand ich die Filme auch nicht wirklich gelungen. Sicherlich gut gemacht, aber irgendwie fehlte das gewisse Etwas.

    Über den Recruitingfilm der Allianz habe ich allerdings geschrieben, nachdem ich auf ihn hingewiesen wurde. Darüber sollten sich die viralen Marketingexperte einmal Gedanken machen, um sich zu verbessern ;)

    Christian am 14. May 2009 um 11:04 Uhr
  9. [...] Thorsten zur Jacobsmühlen als auch Marcus Tandler diskutieren ja immer lebhaft Innovationen im Recruiting, und seit neustem auch die Agentur Softgarden aus Berlin, die " jobs for friends"  ins [...]

    FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND - Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen am 25. May 2009 um 12:37 Uhr
  10. Meiner Meinung nach professionelle aber trockene Filme, ich kann Christian nur zustimmen…das gewisse etwas fehlt irgendwie!

    Olli am 25. May 2009 um 19:05 Uhr

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