Marcus Tandler

Wieviel Millionen hättens denn gern?

Wie Ihr ja bestimmt schon gemerkt habt, bin ich nicht gerade ein großer Fan vom sogenannten Web2.0…
Wenn ich morgens auf Deutsche-Startups.de surfe, und lese, welche neuen Geschäftsmodelllosen-Fantasienamen “Unternehmen” über Nacht aus dem Boden geschossen sind, kommt mir immer öfter das kalte Grausen! Da will man sich doch gleich wieder ins Bett legen, und bis zum Anbeginn der Web3.0 Ära liegenbleiben…

Wie im Drogenrausch zusammengebastelte Social Communities wie Partnr.de, die sich als “Ergänzung der zwischenmenschlichen Kommunikation mit dem Partner” sehen, sollten eigentlich eine Steuer für sinnbefreites Handeln zahlen! Und vor lauter Social Shopping bekomme ich mittlerweile Angst für meine Zahnpasta zu viel bezahlt zu haben, wenn auf einmal an der Supermarktkasse mein Blackberry seine Verbindung ins Internet verliert.
Ist denn der einzige Zweck von Web2.0 nur, Unternehmen wie bspl. ProSieben Sat1, das mühsam verdiente Geld der vergangenen Jahre aus der Tasche zu locken? Jenen Unternehmen, die Ihre Internetambitionen während der Ära Web1.0 an der Gaderobe abgegeben haben, und nun versuchen Ihr unternehmerisches Unvermögen mit prallgefüllten Geldkoffern zu kaschieren. Da gehen 4 Monate alte Communities mit einer niedrig dreistelligen Userbasis für fünfstellige Beträge über den Ladentisch, nur weil das bonbonfarbene Logo so schön web2.0ig aussieht, und simple Kopien (auch gerne Kopien der Kopien) werden für aberwitzige Summen verkauft, und die noch schulpflichtigen Gründer gegen anzugtragende Internetlegastheniker ausgetauscht! Schönes neues Web2.0…

Gerade letzt schrieb mit ein selbstbekennender 20jähriger “Web2.0 Evangelist” via XING an – willkommen auf meiner Ignore-List! Aber eine andere Mail will ich euch nicht vorenthalten, da sie geradezu typisch für den derzeitigen “Gründergeist” in Deutschland ist…

Ich weiß, ich weiß – jemand, der mir im ersten Absatz offenbart, dass er ein großer Fan meines Blogs ist, sollte ich eigentlich nicht hier durch den Kakao ziehen… aber immerhin kann ich mir so die Rückantwort auf seine Mail sparen, da er diesen Beitrag ja sowieso lesen wird 🙂

Der besagte Herr ist laut eigenem Bekunden “Mitglied eines Gründerteams, welches eine Web2.0 basierte Jobbörse auf den Markt bringen will.“. Alleine schon dieser Satz hat bei mir einen mittelschweren Brechreiz ausgelöst, denn der Satz “Web2.0 basierte Jobbörse” macht par definitionem schon mal überhaupt keinen Sinn! Aber scheinbar klingt es wenigstens gut für potentielle Investoren!
Die zwei Sätze darüber, was die Web2.0 basierte Jobbörse nun eigentlich so besonderes machen will, erspare ich euch jetzt einfach, da dies noch viel weniger Sinn ergibt bzw. total am Markt vorbei geht (ich sage nur -> Arbeitgeber sollen für Video-Stellenangebote begeistert werden… gäääääääääääääähn…)

Aber dann wirds richtig lustig:
Wir haben diesen Monat eine wichtige Präsentation bei einem Investortreffen und müssen noch so manche Vorbereitungen treffen. Insbesondere haben wir einige Probleme bei der Ausarbeitung unserer Marketingstrategie, sowie der Ermittlung des Marktvolumens.

Ich wollte bei Ihnen mal nachfragen, ob Sie uns hinsichtlich Marketing und Publikation einer solchen Plattform ein paar Tipps geben könnten, oder ob Sie gute Quellen kennen, die Statistiken über Jobbörsen und Bewerbung im Allgemeinen veröffentlichen.

Bitte was??? Kein Konzept haben und nun auch noch Tipps erbetteln? Lernt man nicht im ersten Semester, dass vor jedem Business-Case erstmal ne solide Recherche stehen sollte? Für mich klingt das eher so wie “wir benutzen viel AJAX und haben uns ein tolles Logo designen lassen, und dann werden die User schon kommen, ganz egal was für einen sinnlosen Scheiß dort anbieten“. Gerade der gemeine Personaler ist ja auch Neuerungen extrem aufgeschlossen, und kann es kaum erwarten Business-spielenden Kindern das Geld nachzuwerfen 🙂
Jungs, das ist nicht Field of Dreams mit Kevin Costner – also al´a “Wenn Du es baust, werden Sie kommen” – das ist die Recruiting-Branche, und hier geht es knallhart um Zielgruppen und Reichweiten, und nicht um bonbonfarbene Logos!

ok ok… ich hör schon auf, sonst bekomm ich noch graue Haare, wenn ich mich so aufrege… 😉
Wer dem Jungunternehmer-Wannabe helfen will, kann sich gerne bei mir melden, dann geb seine eMail-Adresse raus – die Hilfe wird er leider auch sehr nötig haben…
Naja, aber wie auch immer – wahrscheinlich wird er auch so ein oder vielleicht zwei Millionen für seinen virtuellen Datenmüll bekommen.
Wann platzt bitte endlich diese Bubble?

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